Space-Text für IE
Logo




Drucken
Abstand

„Bei jeder Nachricht überlegen wir, ob da ein Ratgeber-Aspekt drinsteckt“


Britta Hinkel ist Redakteurin für das Ressort „Ratgeber“ bei der Thüringer Allgemeinen. Von Dienstag bis Samstag erscheint dort jeweils täglich eine Ratgeberseite. Jeden Montag werden zwei Seiten abgedruckt, die ausschließlich Themen für „ältere Menschen“ gewidmet sind und nicht unter „Ratgeber“, sondern unter „Senioren-Journal“ firmieren. Das Interview führte Julia Ohlendorf.

Blickpunkt: Frau Hinkel, was bedeutet für Sie Nutzwertjournalismus bzw. Ratgeber-Journalismus?

Britta Hinkel: Seiten beziehungsweise Beiträge zum Thema Ratgeber/Recht sind aus meiner Sicht in einer Tageszeitung unverzichtbar. Jenseits jeglicher Polemik oder politischer Bewertung wird damit dem Leser eine ganz pragmatische Handreichung geboten, mit Alltagsproblemen umgehen zu können und ungewohnte Herausforderungen zu meistern. Der Laie überschaut weder die konkreten Folgen gerade beschlossener Gesetze für sich und andere noch weiß er, was eine bestimmte Rechtssprechung (Urteile) für ihn bedeuten könnte. Ihm das nahe zu bringen, ist eine durchaus dankbare Aufgabe. „Ratgeber-Themen“ werden mitunter belächelt. Spätestens aber, wenn der Spötter Probleme mit seinem Chef, seinem Vermieter oder seiner Versicherung bekommt, er mit seinem Rentenantrag, seinem Knöllchen-Widerspruch oder seiner Nebenkostenabrechnung nicht klar kommt, stellt er fest, dass derlei Beiträge ziemlich sinnvoll sind. Das Spektrum ist breit gefächert: von Gesundheitsthemen über juristische Angelegenheiten bis hin zu psychologischen Fragen. Häufig geht es um finanzielle Angelegenheiten. Immer aber um den Alltag, das unmittelbare Erleben des Lesers.

Was macht Ihnen denn persönlich dabei am meisten Spaß?

Zu wissen, dass ich mit meinen Beiträgen – in den meisten Fällen jedenfalls – ganz nah beim Leser bin, dass das, was ich vermittle oder weitergebe, tatsächlich gebraucht wird und gefragt ist. Und es freut mich zu erleben, dass eine Zeitung oftmals für ihre Leser viel mehr bewegen kann, als es der Einzelne vermag. Stichwort: bürokratische Entscheidungen von Beamten oder willkürliches Verhalten von Unternehmen.

Welche Themen interessieren Sie am meisten?


Spannend finde ich juristische Themen, insbesondere das Arbeitsrecht. Aber auch Nachbarschaftsrecht, Mietrecht, Patientenrecht sind Themen, mit denen ich mich immer wieder gern und immer wieder unter neuen Gesichtspunkten befasse. Der Vorteil als Journalist ist ja, dass man sich Experten suchen kann, die einem sämtliche Fragen zu einer Sache beantworten. So wird man quasi aus erster Hand fit gemacht und hat nach einiger Zeit wirklich einen großen Fundus an abrufbarem Wissen, ohne jemals ein Jurastudium absolviert zu haben. Andererseits hat man die nötige professionelle Distanz zum Fachmann, so dass die Fragen immer noch aus Sicht des Laien, also des Lesers, und vor dem Hintergrund von dessen Erfahrungswelt gestellt werden können. Das ist ein schöner Spannungsbogen, in dem es sich gut bewegen lässt, wenn man ihn erst einmal ausgelotet hat.

Nach welchen Kriterien sortieren Sie die Themen für Ihre Ratgeber-Artikel?


Zum einem wollen wir tagesaktuelle Ereignisse lebensnah beleuchten. Orientierung bietet immer die Tagespolitik. Bei nahezu jeder Nachricht, die den Tag dominiert, überlegen wir, ob da ein „Ratgeber-Aspekt“ drinsteckt. Der muss in den meisten Fällen gar nicht künstlich konstruiert werden, und sollte das im Übrigen auch nie. Sobald Aufklärungsbedarf besteht, sind wir gefragt. Wichtig dabei ist, realitätsnah zu sein. Außerdem greifen wir saisonale, wiederkehrende Ereignisse auf. Darüber hinaus „diktiert“ der Kalender das eine oder andere Thema: zum Beispiel Sommer, Ferien, Urlaub, Reiserecht, Badeunfälle, Insektenstiche, Hautkrebs. Und natürlich wollen wir auch Unterhaltsamkeit bieten. Ein weiteres Kriterium ist Originalität. Mitunter werden wir als Redaktion mit Problemen konfrontiert, von denen wir nie geahnt hätten, dass es sie überhaupt gibt. Solche seltenen Phänomene oder Umstände aufzuklären und zu erhellen, kann mitunter sehr unterhaltsam sein.

Wie viele Beitragsideen kommen bei Ihnen in der Redaktion direkt von Pressemitteilungen?

Pressemitteilungen sind in den seltensten Fällen Inspiration für Beiträge. Zumindest werden sie auf der Ratgeberseite nicht eins zu eins veröffentlicht, sondern modifiziert und über zusätzliche, weitergehende Recherchen „veredelt“.

Wie gehen Sie mit vorgeschriebenen Artikeln von PR-Agenturen um? Werden diese überarbeitet oder auch manchmal einfach so übernommen?


Grundsätzlich werden Beiträge von PR-Agenturen nicht übernommen, auch nicht „überarbeitet“ veröffentlicht. Zunächst schauen wir, wer der Auftraggeber für den entsprechenden Beitrag war, denn PR-Agenturen agieren ja im Auftrag von Firmen, Herstellern, anderen Lobbyisten, die ein Interesse daran haben, ihre Mitteilung beispielsweise über ein bestimmtes Produkt oder Arzneimittel in die Öffentlichkeit zu lancieren. Andererseits wäre es unprofessionell, derlei Mitteilungen einfach in den Papierkorb zu befördern. Wir prüfen also: Worum geht es? Wer verfolgt hier welches Interesse? Welche Substanz hat das Ganze für unsere Leser? Welche Information wäre für ihn sinnvoll und hilfreich? Welches Thema können wir daraus ableiten? Wo finden wir unabhängige Experten dafür?

Wie oft könnten Sie oder Ihre Kollegen auf Ausfahrten oder Reisen mitfahren, wo Produkte vorgestellt werden?

Angebote, auch verdeckt, gibt es hin und wieder, sie werden aber grundsätzlich von uns abgelehnt. Produktwerbung ist für mich tabu und sollte es auch für meine Kollegen sein. Glücklicherweise gibt es ja Institutionen wie die Stiftung Warentest, die unabhängig Produkte prüfen und deren Qualität beurteilen. Deren Vergleiche bilden häufig die Grundlage für Beiträge auf der Ratgeberseite und sind für den Verbraucher – im Gegensatz zu Schleichwerbung – eine echte Hilfe.

Das heißt, Sie haben noch nie an PR-Reisen teilgenommen?

Noch nie. Ich sehe es auch künftig nicht als meine Aufgabe als Redakteurin an, mir ein spezielles Produkt präsentieren bzw. vorstellen zu lassen. Ich denke nämlich nicht, dass mich irgendetwas dazu prädestiniert, ein ganz spezielles Produkte zu beurteilen. Dies ist aus meiner Sicht am neutralsten im Vergleich möglich. Andererseits steht die Frage: Warum werden Journalisten eingeladen, um sie mit dem neuesten Produkt der Firma XY vertraut zu machen? – Die Antwort liegt auf der Hand. Ich hielte es für unredlich, ein solches Angebot anzunehmen und mir im Gegenzug „Strategien bereitzulegen“, mit denen ich das vor Kollegen oder Lesern vertreten kann. Natürlich kann man behaupten, ich lasse mich nicht korrumpieren, recherchiere ganz unvoreingenommen, schreibe ohne Schere im Kopf – aber wie gesagt, ich finde das eher scheinheilig und unglaubwürdig.



Kritiker sagen, Service-Journalismus sei nur eine ummantelte Form der PR oder Werbung. Was erwidern Sie diesen Kritikern?

Schauen Sie sich die Ratgeberseiten in der Thüringer Allgemeine an und zeigen Sie mir den Beitrag, der Ihre These belegt. Übrigens: Was andere „Service-Journalisten“, ich selbst verwende diesen Begriff für meine Tätigkeit nicht, tun, obliegt weder meiner Verantwortung noch der Rechtfertigung durch mich. Bleibt die Frage, ob Sie mit „Service-Journalismus“ redaktionelle Seiten meinen oder womöglich Anzeigen-Seiten, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind? Wenn dem so ist: Aus meiner Sicht ist eine eindeutige Trennung zwischen redaktionellen Seiten und Anzeigen oberstes Gebot für seriösen Journalismus und um glaubwürdig zu bleiben.

Diskutieren Sie in Ihrer Redaktion das Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und PR?

Vor dem Hintergrund konkreter Ereignisse ja. Es herrscht aber hierüber ein grundsätzlicher Konsens, der im ethischen Anspruch begründet liegt.

Gibt es darüber einen Diskurs mit der Wirtschaftsredaktion oder der Chefredaktion? Werden Ihnen Weiterbildungen angeboten?

Nein, nicht permanent. Die Wirtschaftsredaktion entscheidet eigenständig über Themen und Terminwahrnehmung. Das Prinzip keine Produktwerbung gilt dort natürlich auch. In Zweifelsfällen steht die Chefredaktion immer als Ansprechpartner zur Verfügung. Aber Weiterbildungsangebote zu dem Thema sind mir nicht bekannt.

Frau Hinkel, vielen Dank für das Interview und ein erfolgreiche weitere Arbeit in Ihrer Redaktion.  (09.11.2009)

außerdem in der Rubrik „nachgefragt“




TA-Ratgeber-Redakteurin Britta Hinkel (F: privat)

Britta Hinkel


Britta Hinkel studierte in den 1980er Jahren Journalistik in Leipzig. Seit 1998 erstellt sie mit einer Kollegin die Ratgeber-Seite der Thüringer Allgemeine, die fünfmal wöchentlich erscheint.



Thüringer Allgemeine

Die Thüringer Allgemeine erscheint in der Zeitungsgruppe Thüringen. Die verkaufte Auflage beträgt gemeinsam mit den Zeitungen Thüringische Landeszeitung und Ostthüringer Zeitung rund 316.500 Exemplare (IVW 3/2009).

Logo